Interessanterweise ist es bei Pferden wie bei Menschen, Südländer haben ein anderes Naturell als Nordmenschen. Bei Pferden ist es allerdings umgekehrt: Ein Nordpferd hat einen kleineren Individualabstand als ein 'Südpferd'. Während man bei uns Menschen einen z.B. Engländer quasi auf der Flucht vor einem z.B. Spanier beobachten kann, der diesem im Gespräch einfach zu dicht kommt, kann man bei uns sehen, wie Rubens dem Sunny gerne eine Nummer zu doll auf die Pelle rückt und dieser kontinuierlich zurückweicht. Rubens "Hey Alter, was geht?" - beschnüffel, berempel - "Isch bün ein duftes Dölepferd". Sunny "Tsk, tsk, tsk, dass ist aber unhöflich. Was für ein Prolet. Gestatten: feines Quarter, bitte etwas Abstand hier!"
Zudem soll es 2 Pferdetypen unterschieden nach genetischer Herkunft geben:
Der eine stammt aus echten, trockenen Steppengebieten und musste sich mit schnellen Beutegreifern auseinandersetzen. Folge: hohe Kopfhaltung, Bedürfnis nach großem Sicherheitsabstand, schnelle, weite Flucht... Dem würde dann Sunny entsprechen.
Die andere Sorte - und jetzt wird's für Kaltblutfreunde spannend - entstand in den Endmoränenlandschaften Mitteleuropas vor den Eiszeitgletschern. In diesen Sumpflandschaften war kopflose Flucht gar nicht angesagt, weil man sonst im nächsten Schlammloch versoffen wäre. Diese Pferde machen nur einen kleinen Satz, um sich erst mal zur Gefahrenquelle umzudrehen. Sie neigen zum Erstarren bei Gefahr, sind deutlich wehrhafter, weichen schlechter wegen eben der beschriebenen Angst, im Sumpf zu landen, haben ein höheres Bedürfnis nach Körpernähe wg. Abwehr kalter Nässe... Damit habe ich es bei Rubens eindeutig zu tun.
Das hat zur Folge, dass wir diese kulturellen und evulotionstechnischen Unterschiede beim Umgang mit den beiden individuell berücksichtigen müssen.
Insgesamt ist Rubens ein sehr neugieriger, aufdringlicher Brocken, der ohne Diskussion sofort 'Chef' war. Bis heute demonstriert er das gerne und regelmäßig, in dem er seine Herde 'Sunny' von A nach B dirigiert, auch gerne mal ohne besonderen Anlass anknabst. Rubens steht bei Wind und Wetter gerne draußen, Sunny drinnen. Aber mit Rubens als Boss steht auch Sunny draußen... Im Umgang mit beiden mussten wir zu Beginn ständig die 'Sprache' wechseln: Wenn wir gegenüber Sunny aus Versehen so aufgetreten sind, wie gegenüber Rubens, machte ersterer gleich einen riesen Satz. Heute sind beide quasi gleich. D.h. Sunny hat sich mehr Rubens angenähert und ist weniger empfindlich und schreckhaft und Rubens kennt seine bzw. unsere und Sunny's Grenzen besser.
Insgesamt haben sich die beiden trotz der naturellen Unterschiede besser angefreundet, als wir je zu hoffen wagten. Sunny kann in Ruhe fressen, schläft auch entspannt liegend, bewacht von Rubens und umgekehrt (ein Pferd sollte jeden Tag auch mal liegend schlafen, wozu rangniedrigere Tieren selten die Nerven haben) und gegenseitige Fellpflege wird immer wieder versucht. Versucht, da Rubens hier leider eine 'Macke' hat: er kann nicht dosieren und kaut auf Sunny rum wie auf einem Kaugummi. Letzterer ergreift dann schnell die Flucht und Rubens schaut enttäuscht und blöd aus der Wäsche. Echt schade. Aber, toi, toi, toi - auch das scheint sich langsam aber sicher zu verbessern und Sunny versucht es immer wieder! Davon abgesehen hängen die beiden 80-90% des Tages dicht beieinander…
OK, Sunny seufzt oft und lautstark und sieht manchmal so aus, als träume er noch von der versprochenen zarten Red Roan oder Appalosa Stute, aber mittlerweile hängt er an seinem Proletenkumpel und wiehert ihm auch mal sehnsüchtig hinterher...