Herausforderung Rubens oder "Mein Pferd - das unbekannte Wesen"
Da Rubens nun eine ganz neue Persönlichkeit für uns war (während wir Sunny schon jahrelang kannten) und er uns mit seinem Charakter geradezu parade-beispielhaft fast die gesamte Palette an Pferdverhalten- und Umgangsherausforderungen bot und bietet (während Sunny und Gunnar schon weitgehend als eingespieltes Team Ihren Weg gefunden hatten) ist der Pferde-Anteil dieser Website sehr rubenslastig. Sicherlich auch, weil die Site auf meinem Mist gewachsen ist und ich über Rubens einfach mehr zu erzählen habe…
Da stand ich nun: Den imposanten, bebenden, großen Braunen in der einen Hand, einen Stapel Bücher auf der anderen balancierend.
Gleich vorweg: Es hat knapp 2 Jahre gedauert, bis ich Rubens so kennen-, verstehen, und mit ihm umzugehen gelernt habe, dass ich mich mit ihm sicher und zwischen uns festes Vertrauen fühle. Wir kaum noch Unstimmigkeiten haben und er mit mir gebisslos am losen Zügel entspannt überall hingeht - meistens ;-)...
So großartig und folgsam Rubens in den ersten Momenten und auf dem ersten Blick war, so schnell kamen die ersten Herausforderungen. Watt'n Glück das ich immer gerade die richtigen Bücher zu Hand hatte und meinen zu der Zeit schon beleseneren und begabten Mann an meiner Seite.
Meine wichtigsten Erkenntnisse sind:
Lerne Dein Pferd kennen und respektiere seine Indivudualität genauso wie sein Natur! Probieren geht über studieren!
Sei flexible: Bücher, Videos, Kurse und Co. können unendlich wertvolle Unterstützung und Anregung sein - aber den Weg mit Deinem Pferd musst Du ganz alleine finden, wobei der gerne von den "Vorgaben" etwas - oder auch mal etwas mehr - abweichen kann!
Nimm Dir viel Zeit und Geduld: der Weg ist das Ziel und soll Spaß machen!
Last not least den eigenen noch so subtilen Ehrgeiz beiseite liegen und die Ansprüche der Realität anpassen mit Humor und Nachsicht auch sich selbt gegenüber und der Tüpfel ist auf dem i.
An dieser Stelle ein paar Erläuterungen, warum und wieso ich zu den Trainingsmethoden und Erfahrungen gelangt sind, die in den Beiträgen unter ‚Reiten & Training' weiter ausgeführt werden.
Was war los? Wer ist Rubens?
Rubens: Vom überrumpelnden Großtöffel zum Kleintöffel
Rubens war zu Beginn recht respektlos und aufdringlich (Stichwort Kulturunterschied, siehe Rubens & Sunny), erkannte den Individualbereich von anderen nicht wirklich an, bzw. sein Individualabstand ist bedeutend kleiner, als man es von anderen Pferden in der Regel gewohnt ist. Somit ist auch 'Weichen' und 'Wegschicken' schwieriger als bei anderen Rassevertretern.
Er war dabei ziemlich ‚schnappig’ gegenüber Händen und hat dreist alle Taschen untersucht und Kleidung, Hände und was sich sonst so bot, angekaut. Bei einem so kopfstarken, körperlichem Tier wie ihm nicht 'Ohne', und die Situation drohte in Richtung ‚gefährlich’ zu kippen. Mit Pferdesprache, der Trainingsmethode „Be strict“ und gezieltem ‚Aus der Hand füttern’ NUR für eine (noch so kleine) ‚Leistung’ bis zu periodischem 'gar nicht mehr aus der Hand füttern' haben wir das in den Griff bekommen.
Er ist auch eine sehr emotionale Persönlichkeit mit geringer Frustrationstoleranzschwelle. Langweilt er sich oder passt ihm was nicht, läßt er Dampf ab: Sunny wird getrieben, in den Anbindestrick gehappst, unwillig mit dem Huf aufgestampt, in die Luft geschnappt, Mistkarre umgestoßen, Wasserbottiche umgekippt... Ich bezeichne das als 'kurzluntig'. Auch ohne jeglichen menschlichen Einfluss, ganz allein für sich auf der Weide, wurde er schon bei Wutanfällen beobachtet... Ich kann Euch sagen, es ist eine große Herausforderung, mit einem wütigem Pferd neben und unter sich nicht selbst zu Weißglut zu werden... ABER: was ich zunächst nicht wusste und verkannt habe, mit seinen 6 Jahren war mein Kaltblut mitten in seiner pupertären Phase und dass nicht zu knapp! Fast pünktlich mit 8 Jahren seit Anfang 2007 ist er charakterlich deutlich und geradezu spontan metamorphiert! Anhänglich, schmusig, geduldiger, ausgeglichener, freundlicher.
Ja und dann wäre da noch, dass Rubens nicht gut mehrere Dinge auf einmal im Auge behalten kann. Da donnert er schon mal den Kopf gegen einen Pfeiler, weil er sich eine Bremse von Rücken beissen will oder fliegt allein für sich auf der Weide auf die Nase, weil er nach Nachbar's Schweinen schieldend über eine Baumwurzel stolpert, die er längst kennen sollte. Nicht sehr vertrauenserweckend für den potentiellen Reiter... Auf den berühmten Instinkt, der Pferde über gefallene Reiter springen lässt, würde ich mich bei Rubens nicht verlassen. Er ist sozusagen gerne mal ein kopfloser Hans-guck-in-die-Luft und ich muss mir seine Aufmerksamkeit immer wieder deutlich erobern, besonders im Interesse der eigenen Sicherheit. Bei Sunny legen wir uns unters Pferd, um eine Zecke rauszudrehen, wie die Autoschrauber unters Auto, bei Rubens käme keiner von uns auf diese Idee...
Beim Reiten schien er es gewohnt zu sein, eigene Entscheidungen zu treffen. Keine große Überraschung bei einem Boss-Pferd, das erstmal sich selber vertraut bevor es sich einem anderen anvertraut. Da komme ich angelatscht und will in den 1-4h der Boss sein, wenn er die restlichen 20h für die Sicherheit der Herde verantwortlich ist. Wir hatten teilweise sehr schwierige Phasen, auch nicht ungefährlich, ich hatte sogar zeitweise Angst, aber mittlerweile haben wir uns gefunden und keine nennenswerten Probleme mehr. Dank intensiver, abwechslungsreicher Beschäftigung, vor allem aber sicherlich Dank "Be strict im Sattel" und viel mentaler Arbeit meinerseits... Allerdings muss ich jeden Tag, jeden Moment meinen Rubens neu davon überzeugen, dass ich sein Vertrauen wert bin. Denn er ist noch mehr als 'nur' ein Boss-Pferd. Er ist auch ein sehr ausdauernder, sensibler, aufmerksamer Beobachter und quittiert jede noch so kleine Nachlässigkeit von mir sofort penetrant. Einen besseren pferdischen Lehrmeister kann ich mir nicht wünschen, aber gerade diese Eigenschaft von ihm hat mich oft richtig geschafft. Im 'kleinen' ist es schon so, dass ich bei der Bodenarbeit kaum mal auf die Uhr sehen kann: schon läuft er aus der Spur, dreht ungefragt, fängt an zu schlurfen... Er hat mich immer im Blick!
Last not least hatte Rubens von Beginn an ein paar Koordinationsschwierigkeiten, bzw. töffelte sich so durch die Gegend. Auffällig war das viele Stolpern (gerne inklusive dem ein oder anderen Kniefall im Gelände mit mir, aber auch allein auf der Weide laufend) und das Klackern, wenn die Hinterhufe an die Vorderhufe schlugen. Im Galopp, in dem er als Kutsch- und Zugpferd nicht so geübt scheint, lief er sehr unkontrolliert, holprig, halt 'irgendwie' drauf los. Ihm fehlt da noch die Balance. Auf dem Platz im Kreis fällt er auf die innere Schulter wie ein Motorrad und ihm drohen gerne die Hinterbeine wegzurutschen. Beim Interview durch die Pferdebörse für einen Bericht über Dölepferde (Ausgabe 07/08 2005) fiel das Stichwort „Dual-Aktivierung“. Gunnar – bestens informiert – wusste gleich, worum es ging. Pferdetrainer Michael Geitner, uns bereits durch seine „Be strict“-Bücher bekannt, hat eine neue Methode der Bodenarbeit mit Pferden entwickelt, die die Rechts-Links-Wahrnehmung und -koordination der Gehirnhälften fördern soll, damit die gesamte Bewegungskoordination und Reizverarbeitung des Pferdes. Das machen wir seitdem und haben in unblaulich kurzer Zeit, riesige Erfolge damit, mal abgesehen davon, das es viel Abwechslung in den Reitalltag bringt und Rubens seine Gassen liebt, darin sogar Schutz sucht...
Rubens ist bei weitem kein Problempferd(!), aber auch kein 'einfaches' Tier. Eben eine starke, spannende Persönlichkeit mit irre viel Potential, die hohe Ansprüche an seinen Menschen stellt. Gelingt es einem, diese zu erfüllen, ist Rubens ein Traum und extrem gehorsam, dann möchte er einfach nur mit und alles richtig machen.
Er bleibt vermutlich immer ein wenig töffelig in seinen Aktionen und aufdringlich, weil so unendlich neugierig und kontaktfreudig. Zudem etwas kurzluntig, wenn er frustriert oder gelangweilt ist. Aber das ist eben seine Persönlichkeit, die ihm auch gelassen werden soll, die wir lieben. Man muss eben nur wissen, wie man mit diesem facettenreichen Gesamtpaket umzugehen hat...
Was haben wir bisher erreicht?
- Es wird nicht mehr geklackert und kaum noch gestolpert.
-Er kann Reize besser verarbeiten, d.h. mit mehreren gleichzeitig umgehen, läßt sich weniger von der Umgebung ablenken bzw. schnell wieder 'einfangen'. Im Gelände und überall sonst treffe ich die Entscheidungen.
- Der Galopp wird immer balancierter, lässt sich schon langsam im Tempo regulieren, er tritt hinten unter den Schwerpunkt
- Er hält höflichen Abstand, betritt die Weide oder entert den Fresseimer erst auf Zeichen
- Er lässt sich frei mit Handzeichen, Blicken und Kommando in der Bodenarbeit dirigieren und 'abstellen' (ground tying).
- Er wirkt gelöster, ausgelichener zeigt Frustrationsverhalten immer weniger. Ist schmusiger :-).
- Er hat die Grundlagen des Westernreitens gelernt (loser Zügel, Neckreining, Stimmkomandos, Gangarten, Anhalten, Wendungen...). Ich reite ihn mittlerweile gebisslos, einhändig, meist am losen Zügel - auch im Gelände
- Er kann lustige und nützliche kleine Tricks, wie mir den Hut vom Kopf nehmen, aufheben, abortieren und mir sogar verlässlich vom Boden in den Sattel reichen. Er 'lacht', also flehmt, auf Kommando und spielt eifrig Fussball mit einem großen Gymnastikball...
- Er reicht die Hufe von selbst und besteht auf die richtige Reihenfolge
- Er folgt und lässt sich mittlerweile fast ausnahmslos führen ohne dass ich noch am Halfter rucken muss oder sonstwie physisch einwirken. Die richtigen Gesten und Stimme reichen
- Er wartet vorm geöffneten Weidetor auf mein Kommando bevor er sich auf's fette Gras stürzt
- Ebenso wird beim Füttern Abstand gehalten und auf das Kommando bzw. Handzeichen gewartet bevor er sich dem Trog nähert
- Er kommt mit geradezu Soldatengehorsam auf Pfiff auch von der fettesten Weide
- Auch am Halsring und mit Barebackpad macht er sich großartig