So viel wie nötig, so wenig wie möglich - von faulen Cowboys... Beim Westernreiten im Gegensatz zum üblicheren und aus dem Reitsport bekannteren 'englischen Stil', stehen Druck- und Zughilfen mehr im Hintergrund, finden idealerweise vorwiegend in der Ausbildung des Pferdes statt, um dann minimalisiert bis ganz gelassen zu werden. Zum einen soll das Pferd so fein wie möglich seiner Natur entsprechend agieren und sich bewegen, zum anderen ist der Westernreiter schlichtweg „faul“. Ständig Zügelkontakt halten und treiben ist anstrengend, das hält kein Cowboy auf einem 500-Meilen Rindertrieb aus… Trotzdem wird dabei auf optimale Gymnastizierung, Körperhaltung, -bewegung und Muskelbau geachtet. Dies ist kein Beitrag gegen den englischen Reitstil, der seine Berechtigung hat und für den genau wie (leider) auch beim Westernreiten gilt, je nach Mensch kann es dem Pferd gut tun oder ihm sogar schaden. Der Beitrag soll die Faszination und das Besondere am Westernreiten hervorheben. Für uns ist es das Westernreiten geworden, weil wir uns hier gleich viel mehr 'zu Hause' gefühlt haben und Gunnar sowieso nichts anderes kannte. Ich habe beides gemacht und nach meine persönlichen, eher schlechten Erfahrungen mit dem englischen Reitstil, bzw. Umfeld, die sicher nicht allgemeingültig sind, war das Westernreiten für mich eine Offenbahrung, weil hier alles von Anfang an vordergründig um das Pferd ging, die Berücksichtigung seines Verhaltens, Bewegungsapparates, seiner Sprache, seines Lern- und Kommunikationsvermögens. Hilfen, Übungen, Gymnastizierung werden mit viel Hintergrund und leicht nachvollziehbar vermittelt. Sprich, das Pferd und sein Wohlbefinden steht an erster Stelle. Das ist mir persönlich beim englischen Reiten leider nicht in der Form begegnet, auch wenn es das sicher auch hier gibt, bei mir bald 20 Jahre her ist und sich viel getan hat. Stimme und Gewicht Also nur zum Vergleich: Auch wenn die Grenzen weich sind und Überschneidungen zahlreich, beim englischen Reiten wird vom Ansatz her über Treiben gegen den Zügel geritten. Treiben zum Tempo-Halten, Treiben zum Schneller-Werden, Treiben und besondere Hilfen zum Gangwechsel usw. Dabei ständig Kontakt zum Pferdemaul über den Zügel. Man lernt in der Reitabteilung austauschbare Hilfenwerkzeuge, mit dem ich heute dieses, morgen jenes Schulpferd reiten kann. Beim Westernreiten baut man eine individuellere Kommunikation auf, beruhend auf individuellen Eigenheiten und unter Berücksichtigung der jeweiligen Natur Mensch und Pferd. Hier lernt das Pferd vom Ansatz her mehr, auf Impulshilfen zu achten und dann quasi auf die nächste 'Ansage' zu warten. Z.B. feinste Gewichtsverlagerungen soll es dabei erspüren. Will ich nach links reiten, verlagere ich mein Gewicht leicht durch Drehen des Oberkörpers in die gewünschte Richtung auf den linken Poknochen. Das Pferd tritt instinktiv nach links wieder unter das Gewicht des Reiters, um diesen für sich angenehmer auszubalancieren. Gewicht nach vorne bedeutet prinzipiell 'schneller', nach hinten 'langsamer'. Hilfen werden impulsartig und möglichst ohne Druck gegeben: Zügel über den Hals legen, Bein nach vorne, oder nach hinten nehmen, ohne an den Pferdebauch zu drücken. Pferde werden mit der Zeit dafür immer sensibler und reagieren auf die kleinsten Verlagerungen des Reiters (der sich vielleicht gerade bloß eine Bremse vom Rücken kratzen wollte). Beim gemeinsamen Lernen spielt die Stimme ein große Rolle in der Kommunikation und ein festes Vokabular and Kommandos, das von Reiter zu Reiter unterschiedlich ausfallen kann. Idealerweise wird so auch im Gelände durchweg am durchhängenden Zügel ohne Beindruck geritten. Das Pferd über Stimme und Gewichtsverlagerung kontrolliert. Die 'Stimme' als Hilfe: Da scheiden sich die Gemüter. Im Turniersport ist Stimmeinsatz verpönt und weitgehend auch unerwünscht. Sie dient als 'Lernhilfe' und soll später weggelassen werden. Als erstes lernt das Pferd in der Bodenarbeit das 'Woah!' 'sofort anhalten' bedeutet. Hat es das gelernt, beginnt man auf dem Pferderücken, das Pferd über das Kommando anzuhalten und gibt immer kurz nachdem Stimmkommando die entsprechenden, körperlichen Hilfen wie z.B. Zügel auf den Hals fallen lassen, Schenkel nach vorne, Lenden rund und Gewicht nach hinten verlagern. Das Stimmkomando lässt man immer mehr weg, bis Pferd nur noch auf die körperlichen Hilfen reagiert. Umgekehrt finde ich es natürlich faszinierend, wenn ich mein Pferd gar nicht groß körperlich beeinflussen muß, sondern rein über Stimme mit ihm kommuniziere. Es wird aber nie 100% funktionieren, da ich das Pferd nicht immer per Stimme erreichen kann - wenn es laut , Pferd zu abgelenkt ist, um auf mich 'zu hören'. Zum anderen liegen die Nachteile auf der Hand, wenn wir zu zweit reiten: einer gibt ein Kommando und beide Pferde reagieren... Ich denke hier: der Mix macht's - wie so oft, der goldene Mittelweg...
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Rubens & Sunny
Sunny ist als Westernpferd geboren und nie anders geritten worden. Gunnar und er sind ein eingespieltes Team, das sicher und entspannt durch’s Gelände toben. Im Schritt und Trab geht’s am durchhängenden Zügel, im Galopp und in Sunnys kleinen Schrecksekunden, muss Gunnar die Zügel aufnehmen, um Sunny Sicherheit zu geben und zu zeigen „Hey, ich bin noch da und bei dir“. Besonders klasse sind die beiden auf dem Reitplatz - ein traumhafter, langsamer Galopp am langen Zügel rund um Tonnen und durch die Dual-Gassen, da können Rubens und ich uns eine Scheibe von abschneiden... Die beiden müssen das nun 'nur' noch im Gelände genauso so umsetzen, wo Sunny wiederum zum Loschpreschen neigt. Rubens war bis er zu mir kam 'englisch' geritten worden. Der Verkaufs-Proberitt war lustig. Ich ließ automatisch die Zügel in Westernmanier hängen und Rubens fing an in Schlangenlinien zu laufen. Er kannte das nicht, fühlt sich ohne Zügelanlehnung alleine und unsicher –ein typischer Effekt. Ich war um so mehr überrascht, wie schnell und einfach er sich ‚umstellen’ ließ. Bücher wälzend habe ich mich auf jahrelange Arbeit eingestellt. Aber der Zosse ist so fix in der Birne, dass er Kommandos nach 3-4 Mal drauf hatte, und ich erst am Ende des erst 3 (!) Geländerittes (wegen Sunnys Verletzung waren wir auch noch ziemlich von Anfang an allein unterwegs) merkte, dass wir die ganze Zeit am langen Zügel unterwegs waren. Das tun wir seitdem weiterhin entspannt, Rubens hört auf die Kommandos, lässt sich durch Gewichtsverlagerung leiten und braucht die Zügelanlehnung wie Sunny ‚nur’ noch in aufregenden Situationen, wo ich seine Aufmerksamkeit zurückholen muss, und im Galopp, manchmal Trab, zum wieder ‚Einfangen’. Nach nun bloß wenigen Monaten habe ich mich mit ihm bereits an meinen Traum vom gebisslosen Reiten gewagt. Mit dem 'Geitner'-Halfter, das auch bei der Dualaktivierung zum Einsatz kommt, habe ich mich auf unseren 'Reitplatz' gewagt. Vermutlich weil das für uns beide neu war, hat er auf leichtesten Druck über den Riemen auf der Nase sehr fein reagiert , und ich gehe instinktiv noch viel vorsichtiger mit Zügeldruck um, brauchte auch viel weniger. Zudem scheinen ihn Gebisse nicht sehr zu beeindrucken, da er als Kutschpferd mit Stange ausgebildet worden ist. Alles scheint so also sogar noch besser zu klappen als sonst... Ich fühle mich damit sicherer, kann ihn besser kontrollieren, was paradox scheint. Somit bin ich beim nächsten mal gleich und ebenso erfolgreich mit ihm ohne Gebiss ins Gelände... Huraahhh! Mittlerweile, nach 1,5 Jahren, reite ich glücklich mit einem Glücksradzaum, einhändig über Neckreining am losen Zügel durch die Gegend. Anhalten, 180 Grad wenden, Rückwärts - kein großes Problem am losen Zügel. Aber Westernreiten ist noch mehr… Dazu gehört auch das so genannte ‚Horsemanship’ gleich Haltung und Umgang mit Pferden. Jeder kann sich sicherlich vorstellen, dass zwischen Mensch und Tier ein intensiver Kontakt bestehen muss, um im gegenseitigen Vertrauen am langen Zügel über Stimme und Gewicht 'sprechend' unterwegs zu sein. Je mehr Kontakt, der die eigene Chef-Rolle festigt, desto besser. Das fängt schon beim Füttern, dem gegenseitigen Umgang auf der Weide und Putzen an. Wieviel das bringt, zeigen Gunnar und Sunny: Sunny hat durchaus einige Macken mitgebracht, wie kopfloses Hinterhertoben hinter anderen Pferden und eine mittelstarke Schreckhaftigkeit vor unbekannten Dingen am Wegesrand oder Pfützen. Durch den intensiven Umgang mit ihm, auch während seiner 4-monatigen Verletzungsphase, konnte Gunnar soviel Vertrauen und Aufmerksamkeit bei Sunny aufbauen, dass diese Dinge wie von selber plötzlich massiv weniger Auftreten. Als Gunnar sich nach der Pause wieder auf Sunny begab, lief alles besser als je zuvor, auch ohne gezielt geübt zu haben. Soviel Pferdesprache wie möglich sollte man kennen – genug Bücher und ‚Pferdeflüsterer’ gibt es ja, die einem auf die Sprünge (oder auch mal Abwege) helfen. Mich und Gunnar haben vorwiegend Monty Roberts (durchaus kontrovers zu sehen), Pete Kreinberg und Michael Geitner beeinflusst. Mit Bauchgefühl muss man für sich und sein Pferd einfach überall das 'Beste' herausziehen, dann vor allem selber Erfahrungen sammeln. Wichtig ist, als Mensch die ranghöchste Stellung in der Herde und besonders gegenüber seinem Pferd einzunehmen. Viele 'Probleme' ergeben sich aus unklaren Rollenverhältnissen heraus und lösen sich 'von Zauberhand', wenn klare Verhältnisse herrschen. Dazu braucht man nicht schlagen und wüten, sondern benutzt entsprechende Gesten und Stimmeinsätze. Viel Ruhe und Souveränität sind das Geheimnis. Stimmt die Kommunikation zwischen Pferd und Mensch, braucht letztere z.B. nur auf die Hinterhufe zu zeigen und Pferd bleibt mit der Vorderhand stehen, bewegt die Hinterhand. Da uns Michael Geitners Trainings-Methoden sehr viel und positiv beschäftigt haben, sind diese in eigenen Beiträgen erläutert. Ansonsten empfehlen wir zum Thema Westerreiten die Bücher und Videos von Pete Kreinberg (www.goting-cliff.de), sowie das Westernreitlehrbuch „Go West“ von Antje Holtappel - meine Bibel!
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